Wir erinnern uns: William Gibson ist der Mann, der den Begriff »Cyberspace« geprägt hat. Sein 1984 erschienener Roman Neuromancer begründete das Cyberpunk-Genre. Und heimste ganz nebenbei alle wichtigen SF-Preise ein. Gibson war, ganz klar, seiner Zeit voraus. Er könnte durchaus als Musterbeispiel für den Vorzeige-SF-Autor gelten, der mit seinen Visionen dem Rest der Welt gehörig den Horizont erweitern könnte. Wenn man sich drauf einlässt.
Das ist wichtig zu wissen, denn schön leicht zu lesen sind seine Werke nicht. Sie erklären wenig, sondern passieren einfach. Deshalb fordern seine Romane stets ein gewisses Maß an Transferleistung während der Lektüre.
Egal, wie das Urteil letztlich ausfällt: ein neuer Gibson ist immer ein Ereignis. Der letzte Roman ist auch schon ein paar Jährchen her. Peripherie erschien 2014 und bildete, nach allem, was man inzwischen weiß, den Auftakt einer Trilogie. Mehr als eine halbe Dekade später nun das zweite Buch. Agency ist nicht unbedingt eine direkte Fortsetzung. Aber es hilft, wenn man Peripherie gelesen hat. Diverse Plotelemente oder Charaktere wie z.B. PR-Manager Wilf Netherton und Inspektor Ainsley Lowbeer tauchen in Agency wieder auf.
Wieder geht es um Zeitreisen und Alternativweltszenarien, aber grundsätzlich gibt es zwei Handlungsstränge. Die Haupthandlung spielt im Near-Future-fast-schon-Übermorgen und handelt von der App-Flüsterin Verity Jane. Der zweite Strang spielt im von Peripherie bekannten Alternativwelt-London des 22. Jahrhunderts, wobei die dort lebenden Wilf & Co. meinen, sie wären die eigentliche Hauptgeschichte, von wo aus man in die Vergangenheit Kontakt aufnimmt.
Die geheime Hauptfigur ist jedoch Eunice, die ihre eigene Agenda zu haben scheint. Sie taucht gleich im ersten Kapitel auf, als Verity Jane ein neues Kommunikations-Gadget ihres neuen Arbeitgebers, die Firma Tulpagenics, testen will. Eunice ist eine ultracoole Künstliche Intelligenz, die sich meldet, als Verity eine unscheinbare Brille, mit Headset und Handy, auspackt und einschaltet. Eunice ist gleichzeitig auch das Bindeglied zwischen den Jahrhunderten und damit den beiden Handlungssträngen.
Gibsons Stil ist eher hektisch. Es wird viel gesprochen. Es wird viel vorausgesetzt und wenig erklärt. Die Zusammenhänge muss man sich beim Lesen schon selber herstellen. Aber sobald man sich darauf eingestellt hat, macht die Lektüre richtig Spaß. Schließlich versticken sich die Protagonisten immer mehr in die Verwirrungen der Handlungsebenen und über all dem hängt das Damoklesschwert eines drohenden Atomkriegs in Veritys Zeit.
Insgesamt ist Agency eher für fortgeschrittene SF-Leser zu empfehlen. Immerhin gibt es, wie für Gibson gewohnt, coole Einfälle, wie z.B. eine Einkaufstüte, die von alleine zum Laden zurückfindet, nachdem man sie zu Hause entleert hat. Sie faltet sich einfach selbst zu einem Schmetterling zusammen und fliegt davon.
Schön ist, dass Klett Cotta Tropen nicht nur den neuen Gibson gleich im Jahr seiner Originalveröffentlichung auf Deutsch bringt, sondern dass man auch ältere Werke präsent hält. So ist für Februar 2021 eine preiswerte Neuausgabe von der kompletten Neuromancer-Trilogie in schön aufgemachten Einzelbänden angekündigt.

DIE DATEN:
William Gibson – Agency
Originaltitel: Agency (2020)
Deutsche Erstveröffentlichung
Verlag: Klett Cotta Tropen
Übersetzung: Cornelia Holfelder-von der Tann und Benjamin Mildner
Titelillustration: Jon Gray
Format: Hardcover
Seiten: 498
Veröffentlichungsdatum: 19. September 2020
ISBN: 978-3-608-50474-3
Preis: € 25,00