Fern vom Licht des Himmels – Tade Thompson

Vorne und hinten wird auf dem Buchumschlag erwähnt, dass Tade Thompson den Arthur C. Clarke Award gewonnen hat. Das ist der Preis, der für den besten SF-Roman des Vorjahres in Großbritannien verliehen wird. Thompson hat ihn 2019 bekommen für Rosewater, den ersten Roman seiner Wormwood-Trilogie, die bei Golkonda erschienen ist.

Der neuste Roman des britisch-nigerianischen Schriftstellers, der Medizin und Sozialanthropologie studiert hat und auch als Psychiater arbeitet, heißt Fern vom Licht des Himmels. Im Zuge guter Autorenpflege veröffentlichte Golkonda diesen für sich alleinstehenden Roman dankenswerterweise zeitnah auf Deutsch.

Der Verlag bewirbt das Buch auf der Rückseite als »meisterhafte Space Opera«, was nicht stimmt. Keine Ahnung, wie man dort auf Space Opera gekommen ist. Bloß weil die Handlung im Weltall spielt? Aber Fern vom Licht des Himmels ist sogar eher das Gegenteil, denn er hat nichts mit gigantischen Reichen, mannigfaltigen Völkern und epischen Handlungen zu tun. Er ist nämlich eine Art »Locked Room Mystery« auf mehr oder weniger begrenztem Raum. Und es gilt, das Rätsel zu lösen und den Mörder zu finden.

Hauptschauplatz ist das Raumschiff Ragtime, welches eintausend schlafende Passagiere in eine neue Welt bringen soll. Für die Erste Offizierin Michelle »Shell« Campion ist es ihr erster großer Auftrag nach der Ausbildung: Zehn Jahre durchs All, von der Erde zur Weltraumkolonie Bloodroot, die Siedler abliefern und wieder zurück. Eigentlich braucht es keine menschliche Intervention während der langen Reise, weil das Schiff von einer Künstlichen Intelligenz gesteuert und befehligt wird. Shell übt eine »rein zeremonielle Position« aus, eine, »die man in der gesamten Geschichte der interstellaren Raumfahrt bisher nie wirklich gebraucht hat«.

Als die Ragtime am Ziel ankommt und Shell aus dem Kryoschlaf erwacht, muss sie feststellen, dass 31 Passagiere verschwunden sind. Sie sind jedoch nicht schlafwandlerisch unterwegs, sondern wurden umgebracht. Darüber hinaus wurden sie in ihre Einzelteile zerlegt.

Ganz klar, dass die Ragtime weder ihre noch schlafenden restlichen Passagiere aus dem Schlaf erwecken, noch landen kann. Ein Notruf von Shell ruft den Ermittler Rasheed Fin auf den Plan. Dieser kommt mit seinem Partner, einem Androiden namens Salvo, um Licht ins Dunkel zu bringen. Und als ob die multiplen Mordfälle nicht schon genug Mysterium wären, treibt auf dem Raumschiff noch ein aggressiver Wolf sein Unwesen …

Eine schöne Facette an Fern vom Licht des Himmels ist, dass Tade Thompson seine nigerianischen Wurzeln einfließen ließ. In seiner Zukunft befindet sich die Kolonie Bloodroot in dem sogenannten Lagos-Sonnensystem. Dort befindet sich eine Weltraumstation, die vor allem von schwarzen Afrofuturisten etabliert und beeinflusst wurde. Diese Station wiederum existiert nur, weil sie unter dem Einfluss von Yan Maxwell, dem Chef der Megafirma MaxGalactix und dem »reichsten Mann des Sol-Systems«, steht. Auch er scheint eine Rolle in dem kryptischen Morddrama zu spielen.

Mir hat die Lektüre von Fern vom Licht des Himmels Spaß gemacht. Der Roman steckt voller Überraschungen und verrückter Einfälle. Alleine was hinter dem Wolf steckt und wie er auf die Ragtime gekommen ist, ist schräge Fabulierkunst. Aber ich will nicht zu viel verraten.

Alle, die gerne moderne SF mögen und auch mal übersehen, dass diese nicht immer naturwissenschaftlich wasserdicht sein muss, dafür aber frisch und einfallsreich sein kann, mit Charakteren, die alle schön nicht-perfekt sind, mit vielen Ecken und Kanten, denen sollte Tade Thompsons Weltraumkrimi gefallen. Ach ja: Mitdenken ist nicht nur erlaubt, sondern gefordert. Daher empfehle ich Fern vom Licht des Himmels als einen der interessantesten SF-Romane, die dieses Jahr auf Deutsch erschienen sind.


Fern vom Licht des Himmels von Tade Thompson

Tade Thompson, Fern vom Licht des Himmels
Originaltitel: Far From the Light of Heaven (2021)
Deutsche Erstveröffentlichung
Verlag: Golkonda
Übersetzung: Jakob Schmidt
Titelillustration: Lauren Panepinto
Format: Paperback mit Klappenbroschur
Seitenzahl: 384
Veröffentlichungsdatum: 27. Oktober 2022
ISBN: 978-3-96509-059-0
Preis: € 20,00

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